Das Kalte Herz

DAS KALTE HERZ
Schauspielhaus Bochum, Premiere 18. November 2005

Kerstin Specht nach Wilhelm Hauff

Peter Munk (erblickt aus riesiger Fruchtblase das erste Licht der Welt: Christian Stadlhofer) ist ein Sonntagskind. Aber sein Vater, ein arbeitsamer und rechtschaffener Köhler, hat es nicht weit gebracht im Leben. Und nach dessen Tod muss die Mutter (Heike Trinker) mühsam jeden Groschen zweimal umdrehen.

Sie will, dass Peter den Beruf seines Vaters erlernt, aber der hat keine Lust, ständig mit verrußten Händen und in schmutzigen Klamotten herumzulaufen. Peter will lieber im Wirtshaus mit dem reichen Ezechiel (Franz Xaver Zach) zocken oder sich so grazil bewegen können wie der Tanzbodenkönig (Benno Ifland). Denn wenn er tanzen lernt und reich wird, rechnet er sich auch bessere Chancen bei den Mädchen aus, der hochnäsigen Marie (Sina-Maria Gerhardt) und der liebreizenden Lisbeth (Agnes Riegl), die ihn, den armen Schlucker, bisher schnöde ignorieren.

Im tiefen, zum Fürchten dunklen Tannenwald (Bühne mit klassischen Scherenschnitt-Elementen: Tina Carstens, Licht mit tollen Schattenspiel-Effekten: Paulus Vogt) holt Peter einen guten Waldgeist mit einem Zauberspruch herbei. Beim Glasmännchen (skurrile Erscheinung wie von einem anderen Stern: Andreas Ebbert-Scholl) hat er drei Wünsche frei („Du lebst im Kohlenstaub, und dabei könntest du in Gold baden“). Anstatt durch die Wünsche nach Weisheit und Verstand sein Glück zu sichern, fordert Peter nur schnöden Mammon. Noch einmal hat das Glasmännchen Mitleid mit dem armen Köhlerjungen: Peter darf sich seinen dritten Wunsch noch aufsparen.

Tanzen kann er nun, und reich ist er auch, sodass er die bankrott gegangene Glasfabrik des Schwarzwaldortes kaufen kann. Doch er hört nicht auf den erfahrenen Meister (überzeugt auch als Live-Musiker an der Geige: Christian Wirmer) und seinen Gesellen (auch am Akkordeon eine Wucht: Michael Policnik), sondern jagt nur unsinnigen Phantomen nach („Bis nach Peru werd ich die Flaschen verkaufen, bis nach Neufundland, bis zum Popocatepetl“). Schnell ist die Fabrik ruiniert, zumal Peter seine Zeit im Wirtshaus verbringt, um mit Ezechiel zu würfeln und sein Glück bei der schönen Lisbeth (Ensemble-Neuzugang aus Wien: Agnes Riegl, die wenig später im TuT Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ vorgestellt hat) zu versuchen.

In seiner Not erhofft sich Peter Rettung von einem bösen Waldgeist, dem Holländer-Michel (Cornelius Schwalm). Der weiß ihm wie auch vielen anderen zuvor die richtigen Worte einzuflüstern: „Du nimmst dir alles zu sehr zu Herzen. Gib mir das pochende Ding, dann wirst du deine Ruhe haben.“ Gesagt, getan. Peter hat nun zwar einen Stein statt seines Herzens in der Brust, aber wieder Geld im Überfluss – und kann wie Donald Ducks reicher Onkel förmlich in der „Kohle“, die weder färbt noch stinkt, baden.

Nun soll der Rubel in großem Maßstab rollen, die Glasbläsermanufaktur zur international konkurrenzfähigen Fabrik ausgebaut werden, auch wenn dafür wie bei Anton Tschechow die Gartenbäume gefällt werden müssen – zum Entsetzen von Peters Mutter. Doch nicht nur ihre Ruhe ist dahin: Lisbeth, inzwischen seine Frau, wendet sich entsetzt von Peter ab, der sie darauf im Streit gar mit einer Schaufel erschlägt!

Für die besonders vom entsetzten ganz jungen Publikum nach gut zwei Stunden nicht mehr für möglich gehaltene Wendung zum märchenhaft-glücklichen Ende sorgt schließlich das Glasmännchen: Noch ist Peter nicht von allen guten Geistern verlassen, noch hat er einen Wunsch frei… Pitt Herrmann

Regie: Martina van Boxen
Komposition: Roderik Vanderstraeten
Bühne: Tina Carstens
Kostüme: Ulrike Nägele

Mit: Christian Stadlhofer, Heike Trinker, Franz Xaver Zach, Benno Ifland, Sina-Maria Gerhardt, Agnes Riegl, Andreas Ebbert-Scholl, Cornelius Schwalm, Michael Policnik, Christian Wirmer

Akkordeon: Michael Policnik
Geige: Christian Wirmer

Fotos: Birgit Hupfeld

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