Golem

Golem

GOLEM
Schauspielhaus Bochum, Premiere 8. April 2011

Golem (hebr. גולם golem) ist das hebräische Wort für „Ungeformtes“, aber auch für „Embryo“ (s. Psalm 139, 16). Im modernen Iwrit bedeutet das Wort golem „dumm“ oder „hilflos“. Die rabbinische Tradition bezeichnet alles Unfertige als Golem. Auch eine Frau, die noch kein Kind empfangen hat, wird als Golem bezeichnet (z. B. im Babylonischen Talmud, Traktat Sanhedrin 22b). In den Sprüchen der Väter ist „Golem“ die Bezeichnung für eine ungebildete Person („An sieben Dingen erkennt man den Ungebildeten, und an sieben Dingen den Weisen“). Besonders verbreitet ist der Begriff aber als Bezeichnung für ein Geschöpf in einer jüdischen Legende, die in Böhmen, aber auch anderswo in Mitteleuropa verbreitet war. Dabei handelt es sich um ein in menschenähnlicher Gestalt aus Lehm und Ton künstlich gebildetes Wesen, das besondere Kräfte besitzt, Befehlen folgen, aber nicht sprechen kann. Musiker und Choreograf Roderik Vanderstraeten nähert sich mit seinem neuen Tanztheater-Projekt dem Golem-Mythos an und geht der Frage nach, wie allgegenwärtig „Golems“ in unserer heutigen Gesellschaft sind.

Die Premiere von „Golem“ fand im Rahmen der Jüdischen Kulturtage 2011 statt.

„Der Körper zuckt. Er folgt den Bewegungen, die der Finger in der Lehmspur auf dem Projektor vorzeichnet. Das Bild wird hinter dem Tänzer an die Bühnenwand projiziert. Wer ist da am Werk? Ist es Gott, der Leben erschafft und steuert, oder zieht hier ein Mensch die Fäden? Der zuckende Leib gehört Burak Göktepe. Hier auf der Bühne des Jungen Schauspielhauses ist er ein Golem. Eine uralte jüdische Mythenfigur, die Nachformung des Menschen aus einer Hand voll Ton, zum Leben erweckt. Elf Tänzer haben bei der Premiere von „Golem“ am Freitagabend im Melanchton-Saal gezeigt, dass es wenig wünschenswert ist, Gottes Taten nachzuahmen. Und dass der Mensch schon längst damit begonnen hat. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage brachten Roderik Vanderstraeten, Michael Habelitz und Martina van Boxen das Stück auf die Bühne. Gleiche Kleidung, gleiche Bewegungen, gleiche Worte: für Individualität lässt die Retortenwelt der Künstlichen Intelligenz keinen Raum. Die Darsteller werden zu Roboter-Ballerinas, zu Marionetten, zu Terminatoren. Als groteske Cyber-Zombies mit weißen Masken auf dem Gesicht stürzt die Horde los Richtung Publikum. Anonym sehen sie aus. Im Theater der Antike war das gewollt. Die weißen Masken stellten Idealtypen dar. Hier ist es ganz ähnlich. Kann allerdings künstliche Intelligenz, kann ein Computer oder ein Roboter das sein, was der Mensch ist? Diese Frage drängt sich während des Stücks auf. Tanz und Musik werden immer wieder durchbrochen. Dann, wenn die Darsteller all dem mythischen Fakten über das menschliche Leben, den menschlichen Körper entgegenstellen. „Hunderttausend Kilometer an Kapillaren durchziehen den menschlichen Körper. Er ist bei sachgemäßer Handhabung bis zu 70 Jahre wartungsfrei“. Regisseuren und Darstellern gelingt es vor allem mit dem Choreographien den großen Wahnsinn einer Retorten-Gesellschaft vor Augen zu führen, in der Roboter den Menschen und damit die Einzigartigkeit ersetzen. Begonnen hat der Mensch damit längst. Zwangsläufig fragt sich der, wann der Mensch sich wohl versehentlich selbst abschafft. Das Spiel mit dem uralten Mythos glückt. Er ist aktueller denn je.“ (Julia Wessel)

Choreographie: Roderik Vanderstraeten
Regie: Martina van Boxen
Musikdesign: Roderik Vanderstraeten
Video und Licht: Michael Habelitz
Produktionsassistent: Matthias Rongisch

Mit: Maike Reuter,  Isabel Barth,  Svenja Wurzel,  Susanna Nitz,  Burak Göktepe ,  Ariane Kareev,  Max Braun,   Hanna Lisa Hennrich,  Simone Ehlen und Chris Pippo

Fotos: Roderik Vanderstraeten, Diana Küster

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