h59 RSSCCSMSKF Session

Was doch alles in ein ehemaliges Klassenzimmer passt! Ein komplettes 32-Spur-Aufnahmestudio und sieben Musiker, die damit vielfach verkabelt und verstöpselt sind, hat in einem Raum im alten Borstiger Schulhaus Platz gefunden, in dem nun der Kunstort Eleven heimisch ist. Drei Tage lang haben die Musiker des Projekts Harmonie59 experimentiert,
improvisiert, an den Grenzen des Musikalischen gerüttelt. Zur Aufnahmesession am Freitag waren auch Gäste willkommen.Fünf nahmen die Gelegenheit wahr, einen hochspannenden, aufregenden Abend zu erleben – mehr hätten keinen Platz gefunden.

Was ist Technik, was ist Musikinstrument? Was ist mit den gelben fast mannshohen Gasflaschen? Was mit den roten, metallbeschlagenen Steppschuhen, die auf dem Tischchen vor Stephanie Müller liegen? Eine Spieluhr liegt daneben und ein Schneebesen. „Mit dem Schneebesen kann man hervorragend Schlagzeugspielen“, sagt sie nachsichtig lächelnd.

Die Gasflaschen gehören zum Klangkosmos von Monika Golla. Sie klängen wie ein Gong, verspricht Golla, die neben vielen anderen Gegenständen viel auf einem Kaktus spielt. Besser auf einem Kaktusarm aus dem Herber Kaktusgarten. Wenn sie die Stacheln streichelt, geben die ein knackendes Geräusch ab. Ein Mikrophon nimmt das auf, und Golla kann es elektronisch verstärken,verändern. Bei Christoph Sauer und seinem Contrabass und E-Bass sieht man sich wieder auf vertrautem Boden, aber das täuscht. Scott Roller spielt Cello, möchte man gerne sagen,aber er hat am Boden rechts ein Aufnahmegerät für Loops, Schleifen, und links ein Effektgerät. Daneben hat sich Sasha Shlain mit den Keyboards eingerichtet und einer Wavedrum. „Das ist so ein Schickimicki-Gerät, das vor 15 Jahren Furore gemacht hat“, erläutert Nachbar Roller voller Anerkennung. Claus Rosenfelder braucht mit zwei Saxofonen und einer Klarinette am wenigsten Platz. Wie ein Voodoo-Gott thront Roderik Vanderstraeten Instrument in der Ecke: Ein weißer Wuschelkopf, die Augen aus kleinen Drum-Becken, die Wimpern aus den Stäben von Wohnzimmeruhren mit dem berühmten Westminsterschlag, was der Hype der 50er Jahre war. Drunter eine Reihe Silberlöffel, manche gedämpft oder verzerrt mit einem Metalltäfelchen. Das Ganze ist auf einer Sperrholztafel mit Schallloch auf einer Zinkwanne montiert. Hier wird das Theatralische des Ganzen deutlich: Das Instrument war Teil einer Kindertheaterproduktion. Den Anstoß habe ein brasilianischer Percussionist gegeben, sagt Vanderstraeten. Der habe bei Instrumenten die Maxime vertreten: „Selber bauen, nicht kaufen.“

Begonnen hat das Projekt „Harmonie59“ 2013 als Vanderstraeten und Roller die Musik für eine Nürnberger Aufführung von „Glaube,Liebe, Hoffnung“ schrieben. Niemand wird erwarten, dass das beschriebene Instrumentarium die Fülle des Wohllauts behäbiger Klassikseligkeit ausgießt. Vanderstraeten gibt eine lockere Struktur vor: jeder der Musiker sendet als Solo eine „Postkarte“, dann Ensemblespiel, dann die nächste Postkarte.Es ergibt sich ein Polyfonie von Klängen, Tönen und Geräuschen, entlang den Grenzen des Hörbaren. Stefanie Müller streut verhauchte Liedfetzen ein, Claus Rosenfelder zerlegt sein Saxofon, Vanderstraeten lässt den Voodoo-König klappern. Musikalische Phrasen werden übernommen oder abgelehnt. Auf die Andeutung eines Eulenschreis folgt ein Vogelstimmenorkan wie bei Sonnenaufgang. Ein, zweimal meldet sich die Maschinerie mit einem Knacken oder einer Übersteuerung. Jemand macht das grelle Licht im Klassenzimmer an. „The magic is gone“, klagt Roller. Jemand macht eher ironisch den Vorschlag, dass man über das Gehörte sprechen könne. Allerdings will keiner was sagen. „Das ist auch richtig“, sagt Roller, „durch Denken wird man nicht klug.“

Roderik Vanderstraeten
(Sound Design/Gabolofon/Percussion/Effects)
Scott Roller
(Cello/Electronics)
Sasha Shlain
(Keys/Percussion/Electronics)
Christoph Sauer
(Contra Bass/E Bass)
Claus Rosenfelder
(Saxophone/Clarinet/Effects)
Susanne Resch
(Saxophone)
Monika Golla
(Samples/Electronics/Effects)
Steffi Müller
(Vocal/Percussion/Effects)
Klaus Dietl
(Visuals/Improvisation)

www.harmonie59.org
Recorded at Kunstort ELEVEN Artspace – H59
Produced by Roderik Vanderstraeten
Logistics Frank Fierke
Technical Support Hees Audio
Assistant Audio Engineer Lucas Buczilowski (SAE-Stuttgart)