Mijn Buren
Texte loten Gedanken und Gefühle aus
Spectrum – Kultur in Tettnang
Barbara Stoll lässt beim Café im Schloss zeitgenössische holländische Autorinnen erleben
Von Chrystel Voith
Barbara Stoll hat am Montagabend im Café im Schloss im Rahmen des Lebendigen Barockschlosses Texte niederländischer Autorinnen vorgestellt. Begleitet wurde sie an dem Abend von Musiker und Sounddesigner Roderik Vanderstraeten , der holländische Lieder beisteuerte. Zur Freude der Veranstalter ist das Café voll geworden und wer gekommen ist, hat einen wunderbaren Abend erlebt und allenfalls bedauert, dass er viel zu schnell verflogen ist.
Mit Boccacios Decamerone und Oskar Maria Grafs „Bayerischem Dekameron“ hatte Barbara Graf 2016 in der Stadtbücherei beeindruckt, daher hat Cosima Kehle die Schauspielerin und ARD und ARTE-Sprecherin gern wieder nach Tettnang eingeladen, nachdem Stoll zur Frankfurter Buchmesse mit Gastland Niederlande ein Programm mit holländischen Autorinnen zusammengestellt hatte – nicht mit dem Anspruch, die zeitgenössische literarische Szene Hollands umfassend darzustellen, sondern um Leseimpulse zu geben, die deren Esprit einfangen. Ein Glücksfall war auch die perfekte Harmonie mit den Liedern, die Roderik Vanderstraeten einfügte, von Anfang an so warmherzig und suggestiv, dass man auch, wenn man nur einzelne Worte verstand, die Stimmungen erfasste und die Fantasie wandern ließ. Man dachte an den französischen Sänger Joe Dassin zurück, wenn Stimme und sanfte Klavierbegleitung gefangen nahmen, wenn man darin Liebe, Zärtlichkeit, aber auch Nachdenklichkeit, Wehmut, Trauer und Schmerz spürte.
Barbara Stoll nahm ihrerseits gefangen – mit den von ihr ausgewählten Texten und ganz besonders mit ihrer Art des Lesens, mit der so lebendig und zugleich natürlich gestaltenden Stimme, die einen mitten hineinnahm in die Welten, in die realen und die Gefühlswelten, von denen sie las.
Am Anfang stand ein ganz anderer Ausschnitt aus dem Roman „Aus dem Licht“, den wenige Tage zuvor die Autorin Marente de Moor selbst bei der Literaturnacht in Friedrichshafen vorgestellt hatte. Hier kamen die Zweifel des Erfinders des Films zur Sprache, die Angst vor den Folgen, vor Maschinen, die das Denken übernehmen könnten. Tiefenpsychologische Einblicke vermittelte der Ausschnitt aus Wytske Versteegs Roman „Boy“. Im Raum stand die Frage, wie eine Kinderseele an der Gefühlskälte der Umgebung zerbricht, wie die Adoptivmutter nach dem Tod des 14-Jährigen mit dem Verlust umgeht. Aus Anneloes Timmerijes Erzählband „Jedes Ding an seinem Platz“ stammte das köstlich frische Gespräch eines aufgeweckten Buben mit einem alten Mann, das viele verdrängte Fragen anrührt. Mit den Augen des Kindes erzählt Marga Minco in ihrer Erzählung „Das bittere Kraut – eine kleine Chronik“, wie naiv das jüdische Mädchen die deutsche Besatzung erlebt, wie das Aufnähen der Judensterne noch zum „reinsten Königinnentag“ wird, während sie später als Einzige ihrer Familie überleben wird: „Sie würden nie mehr zurückkehren.“ In die Zauberwelt der Götter Javas entführte Helga Ruebsamens autobiografischer Roman „Das Lied und die Wahrheit“, erzählte aber auch von der Rückkehr nach Europa: „Ich sah den Krieg auf unserem Haus sitzen – die unsichtbare Kälte war immer da.“ Vom „Leben nach dem Überleben“ berichtet auch die Lyrikerin und Bühnenautorin Judith Herzberg in ihren Gedichten, die am Ende standen, etwa vom „Flugzeug, das nichts Böses will“. Noch einmal sang Vanderstraeten ein wehmütiges Lied, welcher Seelenschmerz stand wohl dahinter?
Sie habe die Aufmerksamkeit der Zuhörer, die Bilder, die entstanden sind, gespürt, sagte Barbara Stoll dankbar und sang zum Abschied selbst ein Lied, nun in Deutsch, das herzlich schmunzeln ließ.