N(E)W(T)LY

N(E)W(T)LY

N(E)W(T)LY
Schauspielhaus Bochum, Premiere 27. Mai 2010

Im Spannungsfeld von Fantasiewelt und körperlichen Begegnungen entstehen Kontraste. Auf der Suche nach menschlicher Nähe begegnet man der eigenen Sexualität und nimmt Bewegungen von Menschen auf, die nebeneinander stehen. Was sagen sie sich? Wo finden die persönlichen Wünsche und Ängste ihren Platz und welche Haltung nehme ich dabei ein? Acht junge Erwachsene zwischen 17 und 25 Jahren begeben sich tänzerisch auf eine Reise durch Beziehungsgeflechte und machen dabei das erfahrbar, was in uns allen steckt: Die stete Hoffnung, sich nicht zu verlieren. Eben: N(E)W(T)LY – „Never ever want to lose you”.

 

Verstrickt in große Gefühle
„Eine Tanztheaterproduktion des Jungen Schauspielhauses über die Themen Liebe und Sexualität begeisterte die Zuschauer. Regisseuer Roderik Vanderstraeten gelingt ein Bilderrausch mit elf jungen Menschen zwischen 17 und 25. Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand. Das können doch nur herzlose alte Leute oder Zyniker sagen. Junge Menschen sehen das anders. Eine bildgewaltige Annäherung an das größte aller Themen zeigte nun das Junge Schauspielhaus, für die Regie und die Konzeption zeichnet Roderik Vanderstraeten verantwortlich. Elf junge Menschen tanzen „N(e)w(t)ly“ und es gelingt ihnen viel zu zeigen, stark und eindringlich Gefühle zu illustrieren und Bilder zu erschaffen für die ganze Komplexität des Phänomens.Schon mit einem mutigen und tänzerisch und athletisch höchst avancierten Solo zu Beginn wird die Messlatte dieser Aufführung extrem hoch gelegt. Die Entdeckung des Körpers, seiner Macht und seiner Ohnmacht, von Nerven und Muskeln bebildert der Solist eindrucksvoll. Anschließend ist die ganze Gruppe zu erleben, die den körperlichen Ausdruck von Mechanismen wie Faszination, Anziehung und Abstoßung spürbar machen. Zu den repetitiven Klängen von Arvo Pärts 10-minütiger Meditation „Spiegel im Spiegel“ bewegen sich Formationen, vollzieht sich der Reigen. Doch dieser hohe Grad an Abstraktion wird nicht durchgehalten: eine Episode mit einem Darsteller, der mit Bademantel und Schlappen angetan, der die Zeitung liest, während die Damen des Hauses sich dem Putzen widmen, zeigt, dass derlei Rollenzuschreibungen selbst in dieser Generation offenbar noch an der Tagesordnung sind. Die Faulheit wird ihm aber von drei jungen Frauen schnell ausgetrieben, aus der Zeitung wird eine Erektion, doch dann ist der Typ auch schon allein. Strafe muss sein. Dann wird es aber weniger konkret, dafür um so poetischer. Elastische gelbe Seile, die an der Decke befestigt sind, werden von den Tänzern genutzt um vielfältige Verflechtungen, ja Verstrickungen zu visualisieren. Auch hier gibt es immer wieder kleine Verschiebungen, aus den Bändern des Beziehungsgeflechts wird später auch schon einmal eine konkrete Fessel, die in angedeuteten erotischen Fetisch-Zusammenhängen eine Rolle spielen darf. Die teilnehmenden jungen Erwachsenen zwischen 17 und 25 widmen sich schließlich auch dem Ende der Liebe. Ein wunderbar choreographiertes Bild des schreiend ungerechten Elends: Wut, Wimmern, Weinen und Kleenex-Chaos auf der weiblichen Seite, Narzissmus, Überschreitung und Selbstzerstörung bei den Herren. Auch hier, lauter Klischees, doch erneut sind sie sympathisch bis zur Kenntlichkeit überzogen. Am Ende aber wollen doch alle nur das eine: von der süßen Frucht naschen. Und das gelingt. Das muss gelingen. Das Erich-Fried-Liebesgedicht gehört heutzutage offenbar dazu, wenn Adoleszente über die Liebe sprechen, doch die final verlesene Botschaft des Lyrikers über den notwendigen Respekt vor der Persönlichkeit des anderen ist ja gültig. Die Zuschauer jubeln anschließend begeistert. Eine wirklich gute Produktion.“ (Bochum, 28.05.2010, Tom Thelen)

Regie und Choreographie: Roderik Vanderstraeten
Musikdesign: Roderik Vanderstraeten
Licht: Michael Habelitz
Kostüme: Michaela Kratzer
Produktionsassistent: Hannah Ruoff

Mit: Simone Ehlen, Martin Frühauf, Burak Göktepe, Manon Glathe, Karla Grossmann, Lea Kallmeier, Stefan Kasperkowiak, Katharina Kipping, Matyas Kovas und Susanne Nitz

Fotos: Birgit Hupfeld

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